Ein Widerspruch mit Lösungen

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Dass begrünte Flachdächer viel zum ökologischen Ausgleich in urbanen Siedlungsgebieten beitragen, ist unbestritten und gerade in der Schweiz eine vielfach umgesetzte Tatsache. Doch neben dem schönen Aspekt des ökologischen Ausgleichs und der Abflussverlangsamung von Regenwasser in überbauten Gebieten ist die Hauptaufgabe von einem Flachdach der Schutz des Gebäudes vor Wasser und Umwelteinflüssen. Für die Abdichtung zuständig sind vielfach Bitumenbahnen. Nun haben Pflanzen leider die Eigenschaft, dass ihre Wurzeln mit grosser Kraft und Ausdauer die Abdichtung durchwachsen und beschädigen können. Um dies zu verhindern, wird den Bitumenbahnen ein Stoff beigemischt, der den Wurzeln quasi signalisiert: Stopp, suche dir eine  anderen Weg! Nun ist es aber auch so, dass der Stoff ausgewaschen wird und das Dachwasser belastet. In den letzten 5 Jahren ist in der Bitumenindustrie sehr viel unternommen worden, um unsere Produkte bezüglich Auswaschung zu verbessern und dem Kunden trotzdem ein sicheres Produkt zur Verfügung stellen zu können. Wir freuen uns sehr, dass Herr Prof. Dr. Michael Burkhardt sich die Zeit genommen hat, einige Antworten zu dieser Fragestellung zu geben. Herr Prof. Dr. Michael Burkhardt war massgeblich an der Forschungsarbeit «Mecoprop in Bitumenbahnen» von 2009 im Auftrag vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) beteiligt. Die aus dieser Forschungsarbeit gewonnenen Erkenntnisse und Informationen führten zu den verbesserten wurzelfesten Bitumenbahnen, die wir heute anbieten.

Prof. Dr. Michael Burkhardt Dozent und Fachstellenleiter im Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik UMTEC Wichtigste Aufgaben/Prozesse: Lehre im Studiengang «Erneuerbare Energien und Umwelttechnik» sowie Forschung und Entwicklung im Bereich Wasserbehandlung und Auswaschung aus Baumaterialien.

Haben Sie in Ihrer Position am UMTEC immer noch mit der Problematik von Herbiziden in Seen und Flüssen zu tun?

Ja, diese Thematik ist immer noch ein wichtiger Grund für unsere Projekte, um beispielsweise die Freisetzung von Stoffen, im weiteren Sinne sogenannte Mikroverunreinigungen, in die Umwelt zu reduzieren und dezentrale Verfahren zur Regenwasserbehandlung zu entwickeln.

Worin liegt die Problematik von solchen Stoffen?

Gelangen die Stoffe in die Umwelt, werden einige langsam abgebaut, verweilen also lange im Wasser, und wirken deshalb unkontrolliert auf Tiere und Pflanzen in der Umwelt. Problematisch sind vor allem auch Stoffe, die schlecht in Kläranlagen oder im Boden zurückgehalten werden

Wie beurteilen sie die Toxizität vom Stoff Mecoprop, der den Bitumenbahnen beigemischt wird?

Verglichen mit anderen Mikroverunreinigungen ist Mecoprop von geringer Toxizität, jedoch gilt gemäss Schweizer Gewässerschutzverordnung für alle Pestizide die gleiche Anforderung für Grund- und Oberflächengewässer von 100 Nanogramm pro Liter. Die Toxizität ist aber nicht das Hauptproblem, sondern die langsame Abbaubarkeit und hohe Mobilität, d.h. Kläranlagen und Boden halten Mecoprop schlecht zurück.

Gibt es Nachfolgeuntersuchungen in Gewässern, die die Auswirkungen der massiven Verbesserungen in den Bitumenbahnen belegen können?

Ja und nein. Ja, es gibt Nachfolgeuntersuchungen durch Behörden oder die Eawag in Gewässern. Nein, weil sich leider die Verbesserung bei Bitumenbahnen nicht so spezifisch nachweisen oder dieser Quelle zuordnen lässt. Dafür gibt es vielfältige Gründe. So gelangt beispielsweise Mecoprop auch aus Bitumenbahnen mit hoher Auswaschung und von Grünflächen und der Landwirtschaft ins Wasser. Der im Gewässer gefundene Stoff kann daher aus mehreren Quellen stammen. Zum eindeutigen Nachweis der reduzierten Auswaschung braucht es deshalb eine unabhängige Feldstudie, die auf einem neu errichteten Gründach mit Bitumenbahn umgesetzt werden sollte. Dann liesse sich für einzelne Produkte belegen, dass Bitumenbahnen weniger Mecoprop in die Umwelt freisetzen

Wie interpretieren Sie die Aussage, dass der Nachweis von Mecoprop in Fliessgewässern im Frühsommer mit Abstand am höchsten ist?

Eine solche Aussage sollte immer im Zusammenhang mit konkreten Untersuchungsresultaten stehen. Die Resultate wiederum sind unter Berücksichtigung vom hydrologischen Einzugsgebiet, den Nutzungsformen und der Probenahme einzuordnen. Alles zusammen bedeutet, dass der Nachweis von Mecoprop in Gewässern ganz unterschiedlich ausfällt. Teils gibt es sicher erhöhte Befunde im Frühjahr, in anderen Gewässern aber auch ganzjährig ein Vorkommen.

In welche Richtung geht der Gesetzgeber in der Schweiz?

Einzelne Zielverbindungen, die bestimmte Quellen und Stoffgruppen repräsentieren, dürften in der Diskussion um Mikroverunreinigungen an Bedeutung gewinnen. Mecoprop könnte zu einer wichtigen Zielverbindung werden, die weit verbreitet überwacht wird. In Europa ist gleiches zu erwarten.

Gibt es in Europa Bestrebungen für eine Regulierung betreffend der Belastung von Gewässern durch Auswaschung von Baustoffen?

Ja, es gibt diese Bestrebungen. Im Rahmen der Zulassung von Bioziden wird das Vorkommen von Stoffen in der Umwelt berücksichtigt und Auflagen, beispielweise bei Holzschutzmitteln, bestehen bereits. Aber vor allem durch die Bauprodukterichtlinie wird die Auswaschung von sehr vielen Baumaterialien zukünftig reguliert. Die Vorbereitungen laufen in der TC351 WG1. Nachher sollen die Normen überarbeitet werden. Hier stehen wir erst am Anfang. Übrigens haben wir in der Schweiz für Kupfer und Zink, eingesetzt als Baustoff, schon Grundlagen für den Vollzug.

Wäre für Sie ein Produkt, wo wirksam verhindert wird, dass Mecoprop aus den Bitumenbahnen freigesetzt wird, eine Lösung?

Ja, dies wäre eine ausgezeichnete Lösung. Alles was im Bitumen bleibt und nicht aus dem Produkt ausgewaschen wird, ist der richtige Schritt.

Gibt es auch problematische Stoffe in anderen Abdichtungsbahnen?

Die Anzahl eingesetzter Stoffe in Kunststoffbahnen ist gross und hängt vom Produkt ab. In solchen Dichtungsbahnen werden beispielsweise Weichmacher, Flammschutzmittel, Vulkanisationsbeschleuniger oder phenolische Antioxidantien eingesetzt. Ob die Stoffe problematisch für die Dachwasserqualität sind, lässt sich nicht immer beantworten. Es fehlen nämlich experimentelle Informationen zur Auswaschbarkeit, vor allem unter realen Anwendungsbedingungen. Zudem ist die chemische Analytik zum Nachweis der verschiedensten Stoffe im Wasser extrem anspruchsvoll.

Welche Stoffe im Wasser bereiten Ihnen am meisten Sorge?

Die schlecht abbaubaren, hormonwirksamen, toxischen und polaren Stoffe. Diese sind bei Pharmaka, Industriechemikalien, Pflanzenschutzmitteln und Bioziden zu finden. Dahinter steckt ein breites Spektrum von Anwendungen. Wichtig sind vor allem Massnahmen an der Quelle. Alles was nämlich nicht in die Umwelt gelangt, muss nachher nicht teuer entfernt werden.